Ehemalige und umbenannte Straßennamen
Straßen und Plätze im Peiner Stadtgebiet trugen noch im Sommer 1945 Bezeichnungen einstiger Nazi-Größen oder deren Vorbildern. Im Juli '45 begann die Umbenennung, wobei der kommissarische Stadtrat auch entsprechende Vorschläge machte.
Der Vorschlag "Karl-Marx-Straße" für die ehemalige "Kamm-Sievert-Straße" wurde abgelehnt, schon damals ein untrügliches Zeichen für das Heraufziehen der "politischen Frostperiode" zwischen den Engländern, Amerikanern, Franzosen und Russen, die später zum "Kalten Krieg" wurde. Schließlich erhielt die "Kamm-Sievert-Straße" den Namen "Pfingststraße".
Weitere Beispiele für umbenannte Straßen:
"Mittelstraße" - bis 1945 "Horst-Wessel-Straße"
"Heinrich-Heine-Straße" - bis 1945 "Hermann-Göring-Straße"
"Schwarzer Weg" - bis 1945 "Adolf-Hitler-Straße"
"Friedrich-Ebert-Platz" - bis 1945 "Wilhelmsplatz" ...
Wer war Hans Kerrl ?
Die heutige "Max-Küper-Straße" hieß "Hans-Kerrl-Straße", einem "Kämpfer und Weggefährten Hitlers der ersten Stunde". Hans Kerrl zog bereits 1929 als einziger (!) NSDAP-Mann in den Stadtrat ein. Der in Fallersleben geborene Kerrl wurde später preussischer Justizminister und 1935 "Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten". Er gründete damals eine der ersten NSDAP-Ortsgruppen Niedersachsens, in Peine, und war dann auch Kreisleiter. Der Rat der Stadt verlieh ihm 1933 nach Hitlers Machtergreifung einstimmig die Ehrenbürgerschaft.

Illustration der ehem. Peiner Synagoge
(Quelle: Malerische Erinnerungen an Alt-Peine, von V. Baltrusch)
Eine im Jahr 1714 im Garten des Hauses "Damm 11" erbaute Synagoge wurde 1907 abgerissen, als man die oben abgebildete "neue" Synagoge errichtete. In der Reichskristallnacht 1938 wurde das Gebäude niedergebrannt.

Foto: Hier stand einst die 1907 erbaute Peiner Synagoge, die im Verlauf der Reichskristallnacht im Movember 1938 von den Nazis nieder gebrannt wurde, dabei ermordeten sie auch den damals 17-jährigen Hans Marburger. Die Leiche Marburgers wurde noch am selben Abend in den Kanal geworfen, von Peiner und Braunschweiger SS-Angehörigen. Heute Gedenkstätte.
Im Juli 1945 wurde nicht nur Kerrl's Name vom Straßenschild gestrichen, der Finanzausschuss beschloss gleichzeitig, die Stiftung gleichen Namens aufzulösen, die im Jahr 1937 gegründet und aus öffentlichen Geldern der Stadt finanziert worden war. Das Kapital von 30.596 Reichsmark wurde dann für den dringend anstehenden Wohnungsbau verwendet.
Interessant ist auch die Bewältigung der Ehrenbürgerschaft Kerrls - erst im Jahr 1985 distanzierte sich der Rat von der Verleihung dieser hohen städtischen Auszeichnung an den Nationalsozialisten. 132 Bürger verlangten, den "Punkt" Kerrl mit auf die Tagesordnung der Ratssitzung im Oktober 1985 zu setzen.

Zehnerstraße:
Stammsitz der SA. Etwa 1930 wurde in dem ehemaligen Kinderhort der Stammsitz der SA eingerichtet. Die Mitglieder wurden mit "Brot und Arbeit" geködert.

Goethestraße:
Arbeiterbildungsverein, später "Goetheschänke", dann, bis in die frühen 1990er, das "Sascha". Hier waren damals zeitweise 200 Zwangsarbeiter untergebracht. Heute werden die Räume privat genutzt. Bemerkenswert das Mosaik im Eingangsbereich (Vorraum) auf dem Boden. Im Jahr 2007 wird dort die örtliche SPD einziehen.

Pfingststraße / Ecke Friedrichstraße:
Den ersten Versuch, Peine "von aussen" zu nehmen, unternahm die NSDAP am 30.6.1931. In der Jäger- und Pfingsstraße kam es zu Schlägereien, wobei ein Polizeimann einen S.A.-Mann aus Bad Grund im Harz erschoss. Aus der Ortsangabe kann man ersehen, aus welch weitem Umkreis die Nazis an diesem Tag ihre Leute zusammengetrommelt hatten...
Bahnhofstraße (Südstadt):
Eingangsbereich eines vom Architekten "Van Norden" entworfenen Hauses. Van Norden baute zahlreiche Häuser u.a. in Peine und Edemissen, er war recht beliebt bei den Nazis und auch bei Albert Speer. Unter dem Wappen mit dem Schiff steht die Inschrift "Jedem das Seine". Die Räumlichkeiten stehen seit geraumer Zeit leer.

Kantstraße, früher "Straße der S.A.":
Verbindungsstraße zwischen dem Schützenplatz und dem Schwarzen Weg (früher "Adolf Hitler-Straße"). Hier ist wohl jeder Peiner schon mal lang gekommen. Es sind gewiss nicht die einzigen beiden Peiner Straßennamen, die nach 1945 umbenannt werden mussten.
Weitere Beispiele:
"Luisenhof" (neben Urania-Kino), Luisenstraße:
Vor 1933 Sitz der Gewerkschaften in Peine. Der große Saal diente als Veranstaltungsraum. Vor dem Luisenhof kam es wiederholt zu nächtlichen Übergriffen auf Arbeiter ("Linke"). 1932 verbot G. Noske, Oberpräsident der Provinz Hannover, eine Demo der in Peine vertretenen Arbeiter-Parteien gegen einen riesigen Aufmarsch von SA- und SS-Leuten, in dem Zusammenhang trafen sich die aufgebrachten Demonstranten dann im Luisenhof.
"Volksheim", Marktplatz, Marktstraße Ecke Stederdorfer Straße:
Im Juni 1932 wiederholten die Nazis ihren Aufmarsch vom Vorjahr (siehe oben, Pfingststraße, Ecke Jägerstraße - mit Bild), diesmal allerdings unter dem Schutz eines Polizei-Aufgebotes...dann wurde der Belagerungszustand über die Stadt verhängt (siehe oben, Luisenhof)!