"DER LETZTE TAG IM BUNKER"
Am 1. Mai 2003 hatten wir im Rahmen der Veranstaltung "Der letzte Tag im Bunker" die Gelegenheit, den 1940 gebauten Bunker von innen und aussen zu besichtigen und fotografisch zu dokumentieren. Unter sachkundiger Führung der für den kommenden Umbau zuständigen Architektin, Frau Renz, und Herrn Hoffmann von der Heimat- und Bezirkspflege, erfuhren die Besucher dieser Veranstaltung vieles über Luftschutz und Bunkerbau in Braunschweig während des 2. Weltkrieges.
Reger Andrang am 1. Mai 2003 - vor dem Eingang des Bunkers Madamenweg.
Ein etwa einstündiger mit Overheadfolien und Dias unterlegter Vortrag von Herrn Wolfgang Ernst, der sich seit vielen Jahren mit der Luftschutz-Situation Braunschweigs beschäftigt, informierte über die Baumaßnahmen und die Geschehnisse im Bunker vor, während und nach den Angriffen. Weitere Mitwirkende der Veranstaltung waren u.a. der "
Arbeitskreis Geschichte im Westlichen Ringgebiet", das "
Braunschweiger Forum" sowie Mitglieder des Staatstheaters.
BUNKER IN BRAUNSCHWEIG - ein kurzer Überblick
Bis zum Ende des Jahres 1940 begann man in Braunschweig, 6 Bunker für die Zivilbevölkerung zu bauen, unter anderem in der Salzdahlumer Straße, Okerstraße, Petritor, Bosselgraben und Alte Waage. 1941 entstanden weitere 13 Bunker im Stadtgebiet, am Ende des Krieges 1945 verfügte Braunschweig über 24 LS-Bunker mit 26.600 Schutzplätzen bei einer Einwohnerzahl von ca. 195.000! Einer der letzten fertig gestellten Bunker ist der Bunker in der "Ritterstraße", der 1944 noch nicht fertig war. Auch der Bunker "Ritterstraße" verfügte über einen verbunkerten Dachzugang, der über eine hölzerne Aussentreppe zu erreichen war.
Zahlen, Maße und Kapazitäten des Bunkers "Madamenweg"
Der 13 Meter hohe, 21 Meter breite und 49 Meter lange Bunker mit einer 1.40 Meter dicken Stahlbetondecke entstand im Rahmen der "Ersten Welle" des Sofortprogramms, Dringlichkeitsstufe 1 - Braunschweig erlebte bereits im August 1940 den ersten Bomben-Angriff. Die erste Kieslieferung erreichte am 30.11.1940 den Braunschweiger Hafen. Am Bau beteiligt waren 1017 Kriegsgefangene neben 410 deutschen Arbeitern und 267 ausländischen Arbeitern.
Neben dem ebenerdig ausgeführten Hauptzugang gab es auch einen Zugang über den Turm an der Südost-Seite des Bunkers. Ausserdem gab es noch eine breite, hölzerne Aussentreppe, die zum verbunkerten Dachzugang führte. Man war sich natürlich bewusst, das der Dachzugang ein nicht unerhebliches, zusätzliches Sicherheitsrisiko darstellte, entschloss sich aber dennoch, aufgrund des großen Andrangs vor den anderen Zugängen, eine weitere Möglichkeit über das Dach zu schaffen, um die Menschen schneller in den Bunker zu bekommen. Wenn der Bunkerwart dann die Türen schloss, war es zu spät - wer dann noch kam und hinein wollte, hatte Pech - niemand kam mehr hinein, solange, bis nach dem Bombenangriff wieder Entwarnung gegeben wurde!
Während die Etagen vom Hauptzugang aus über ein 2-läufiges Treppenhaus (es konnten 2 Personen nebeneinander die Treppe benutzen) zu erreichen waren, gibt es im Inneren des Eckturmes keine Stufen, der Aufgang ist als wendelförmige, betonierte Rampe ausgeführt, so wie man es auch von Luftschutz-Türmen des Patents "Zombeck" kennt.
GESCHICHTE(N)Im Kellergeschoss war eine Befehlsstelle, in der auch der damalige Bunkerwart August Zimmer seinen Dienst tat, desweiteren war eine SS-Funkstelle, ein Bombenentschärfungs-Dienst, eine Dienststelle der Luftschutz-Polizei sowie motorisierte HJ (mit Melde-Krädern) untergebracht. Die Motorräder der HJ'ler wurden im Erdgeschoss des Rundturms abgestellt, maximal waren 6 Melder gleichzeitig vor Ort im Dienst. Die SS-Funkstelle verfügte Quellen zufolge sogar über eine ENIGMA-Chiffriermaschine.

Im Herbst 1944 kam es zu zahlreichen Diphterie-Erkrankungen aufgrund der mangelhaften hygienischen Verhältnisse im Bunker. Quellen zufolge soll es eine Frau gegeben haben, die jedesmal, wenn sie den Bunker betrat, ohnmächtig wurde - und das über Monate!
Bei einem der Bombenangriffe schlug eine Bombe auf dem Dach auf und hinterließ ein 10 cm tiefes Loch mit etwa 40 cm Durchmesser - anschliessend rollte sie noch vom Dach herunter und explodierte im Aussenbereich des Gebäudes - 2 Tage Stromausfall im gesamten Bunker waren die Folge. Zum Teil wurden Räume in Wohnungen, die nahe des Bunkers lagen, an andere Braunschweiger, die weiter entfernt von einem Bunker wohnten, als Schlafplatz vermietet - so wollte man den Weg zum nächsten, schützenden Bunker im Falle eines Alarms möglichst kurz halten...
In den letzten 10 Kriegstagen 1945 war der Bunker ständig voll (über)belegt - die sich im Inneren drängenden Schutzsuchenden verließen den Bunker nur kurz, um Essen zu holen oder "zu Hause nach dem Rechten zu sehen", und kehrten dann sofort zurück.
DIE NACHKRIEGSNUTZUNG
Nach dem Krieg wurden im Bunker Ausgebombte, Vertriebene und Flüchtlinge untergebracht, durchschnittlich bewohnten ca. 800 Menschen den Bunker. Es war "ein ständiges Kommen und Gehen", da viele nur auf der Durchreise waren, Angehörige suchten, oder nur vorübergehend eine Notunterkunft brauchten, während die eigenen Wohnungen und Häuser, die durch die Bombardements der Alliierten beschädigt oder zerstört worden waren, wieder instand gesetzt wurden.
1947 gab es erste Pläne für eine zivile Umnutzung, angesichts der Flüchtlingsproblematik und der allgemein schlechten Wohnungssituation in Braunschweig und im Umland wurden sie aber wieder verworfen.
1948 bewohnten etwa 550 Menschen ständig den Bunker - Krankheiten und Kriminalität gingen in den Augen der Bevölkerung vom Bunker und den dort "teilweise unter katastrophalen hygienischen Bedingungen hausenden Bewohnern" aus. Kinder des westlichen Ringgebietes drohte man mit "dem Bunker", wenn sie nicht artig waren - und das wirkte! Viele der damaligen Anlieger sahen die Verwahrlosung der Bewohner und die Zustände im Bunker mit großer Sorge.
1974 wurde der Bunker dann "geräumt" und geschlossen - die Braunschweiger Zeitung titelte damals mit der Schlagzeile "Aus dem Bunker in helle Räume" und lobte das Konzept "Soziale Stadt". Die bisherigen Bunker-Bewohner wurden in neu entstandene Sozialwohnungen umgesiedelt - ein Konzept, das in den 1970ern für Aufsehen sorgte.

1984 sollte der Bunker als Zivilschutzbunker mit 3.000 Schutzplätzen reaktiviert werden, so begann man mit Umbaumaßnahmen im Inneren und stattete den Bunker mit Lüftern, Filtern, und Chemie-Toiletten aus. Desweiteren wurden die alten, nicht mehr zeotgemäßen LS-Türen gegen schwere Schutztüren der Firma Thyssen ausgetauscht. Die Kosten für die Umbaumaßnahmen bezifferten sich Quellen zufolge einst auf ca. 500.000,- DM.
Anfang der 1990er Jahre wurde das Umbauprojekt kurz vor Fertigstellung gestoppt - die weltpolitische und auch die innenpolitische Situation Deutschlands hatten sich verändert - für den Bunker gab es vorerst keinen Bedarf mehr. Der "Kalte Krieg" ging, nicht zuletzt mit der Wiedervereinigung der ehemaligen DDR und der BR Deutschland, zu Ende.

1995 wurde der Bunker dann wieder aus der Zivilschutzbindung entlassen, obwohl er nie in Betrieb genommen worden war. Kurz darauf fand sich auch ein neuer Investor, der aus dem Gebäude eine Wohnanlage mit Tiefgarage machen wollte. Mit Hilfe eines Diamantschneideverfahrens schnitt man erste Öffnungen in die Frontfassade des Gebäudes. Aufgrund von Problemen mit dem Bauamt und den Anliegern wurde daraus allerdings nichts. Das Gebäude blieb leer und ungenutzt, durch die offene Fassade machte sich substanz-schädigende Feuchtigkeit im Inneren breit.
Im April 2003 schließlich erwarb ein neuer Investor das Gebäude, das nun hoffentlich endlich einer sinnvollen, zivilen Nutzung zugeführt wird. Die Frontfassade hat inzwischen einen durchgehenden Riss auf Höhe der fensterartigen Ausschnitte. Es ist also an der Zeit, zu handeln.
An dieser Stelle nochmal herzlichen Dank an die Veranstalter für den interessanten "letzten Nachmittag im Bunker Madamenweg". Es wird wohl das letzte Mal im "Leben dieses Bunkers" gewesen sein, dass sich so viele Menschen gleichzeitig in ihm versammelt haben. Am 20.06.2004 ergab sich eine weitere Besichtigungsmöglichkeit, einige Bilder aus dem Artikel stammen aus dieser Serie.