DAS WORT AUS STEIN
Flak-Bunker zählen zu den größten jemals erbauten Bunkern überhaupt. Hinzu kommt, dass sie nicht entlang der Frontlinie, sondern inmitten der Zentren der damals drei größten Städte des Dritten Reiches errichtet wurden.
Damit berührten sie den Interessensbereich der Neugestaltungspläne der Nationalsozialisten und beanspruchten eine bauästhetische Aufmerksamkeit, die ansonsten den repräsentativen Partei- und Staatsgebäuden vorbehalten war. Hier war eine städtebauliche Eingliederung und repräsentative Architektur gefordert, die dem Herrschafts- und Machtanspruch des NS-Regimes entsprach. Erschien doch Adolf Hitler die Architektur besonders geeignet, um die NS-»Weltanschauung« zu vermitteln: Das Wort aus Stein fand Hitler überzeugender "...als das gesprochene Wort". Jedes Gebäude und jeder Ort war ideologisch zu besetzen, um die Autorität des Staates zu festigen.
So ist es angesichts der Größenordung der Bauaufgabe nicht verwunderlich, wenn sich Albert Speer in Berlin schon zu Beginn der Planungen die Standortentscheidungen vorbehielt. Zudem überließ die Luftwaffe die Bauausführung nicht den Ingenieuren und Pionieren der Organisation Todt, die den grössten Teil des Betonverbrauchs im Deutschen Reich verzeichneten, sondern dem Architekt Friedrich Tamms, der sich bereits im Brückenbau mit Heimatstilelementen und Monumentalprojekten hervorgetan hatte.

Literatur-Tipp zum Thema: Flak-Türme
Im April 2007 ist in Berlin eine neue Publikation über die Flaktürme in Berlin, Hamburg und Wien erschienen.
Diese 96seitige Broschüre mit etwa 250 Abbildungen zeigt die Geschichte der Bauten von 1940 bis in unsere Tage. In ihrer Größe und Wuchtigkeit gehören sie neben den U-Bootbunkern zu den größten Eisenbetonbauten des Zweiten Weltkrieges. Zwar als Militärbauten der Luftwaffen konzipiert, schützten sie zudem zehntausende von Zivilisten während der alliierten Luftangriffe und boten auch Bombenschutz für Kunstwerke, Bibliotheken und historische Sammlungen.
Nach dem Kriege wurden sie zumeist von den alliierten Besatzungsbehörden gesprengt wie in Berlin der Geschütz – Turm Humboldthain (Franzosen), das Flakturmpaar Zoo (Engländer) oder das Flakturmpaar Hamburg – Wilhelmsburg (Engländer). Die unversehrten der ursprünglich 16 Türme werden bis heute unterschiedlich genutzt, die Flakturmruine Humboldthain in Berlin z.B. für die Touristen - von den Berliner Unterwelten e.V. begehbar gemacht und mittels Führungen vorgestellt.
Das hier vorgestellte Bildmaterial ist zu 95 Prozent noch nie publiziert worden. Der Autor konnte auf die Fotobestände ehemaliger Flakhelfer zurückgreifen sowie auf Fotodokumentationen der Hamburger Abbruchfirma OXYGEN Spreng- und Baugesellschaft, die nicht nur den berühmtesten dieser Großbunker, den Flakturm Zoo, in den 50er Jahren mit über 900 Sprengungen zerlegte und die Trümmer beseitigte, sondern auch Anfang der 70er Jahre in Hamburg auf dem Heiligengeistfeld für die Oberpostdirektion den ehemaligen Leit-Turm abriß und für ein neues Gebäude der telekom Platz schuf. Weiteres Bildmaterial stammt vom Berliner Landesarchiv und von unterirdischen Exkursionen der Berliner Unterwelten e.V.

Die Publikation ist in einer sehr kleinen Auflage erschienen und kann beim Autoren für 20 Euro bestellt werden, zuzüglich 2 Euro Postversand. Versanddauer zwei bis vier Tage.
Doch wie kam es überhaupt zum Bau der Flakbunker?
Gebaut wurden Flakbunker in
Berlin (1940-43),
Hamburg (1941-43) und
Wien (1942-44). Während in Berlin nur noch Ruinenberge auf die ehemaligen grauen Riesen hinweisen, sind sie im Stadtbild Hamburgs und Wiens noch deutlich sichtbar als die monumentalsten Zeugnisse nationalsozialistischer Kriegführung. Jeweils drei Flakbunker (in Hamburg wurde der dritte Flakbunker nicht mehr ausgeführt) sollten in Form eines Dreiecks die Stadtzentren umschliessen, um im Verband Sperrfeuer entwickeln zu können. Militärisch bewährten sich die Kampfanlagen allerdings nicht, denn trotz modernster Technik waren sie schon kurz nach Fertigstellung größtenteils veraltet. Zu hoch waren die Kosten pro Flugzeugabschuss.

Das Festhalten an den Bauvorhaben kann deshalb nur aus psychologischen Gründen erklärt werden, denn trotz des geringen Erfolges übte das
»Geballere der Flak« immerhin großen Eindruck auf die Bevölkerung aus und demoralisierte die Angreifer. Außerdem diente das Bauvorhaben zur Demonstration der eigenen Stärke und Überlegenheit nach dem Motto: Wer solche gewaltigen Festungsbauten errichten kann, kann auch den Krieg gewinnen. Die Bevölkerung sollte sich mit der scheinbaren Stärke, Unüberwindlichkeit und überlegenen Technik identifizieren und Vertrauen in den Kriegsverlauf bekommen.

Charakteristisch für die Flakbunker sind ihre multifunktionalen Aufgaben: Auf ihren Dächern waren Waffen postiert und im Gebäudeinneren wurden Schutzsuchende und Kulturgut untergebracht. Eine Nutzung, die die ganze Schizophrenie des Bautyps aufzeigt, da er nach außen den Krieg produziert, vor dem er die Zivilbevölkerung im Inneren schützen sollte. Die Flakbunker waren als autarke Festungen angelegt: Ihre Konstruktion war gegen die damals verfügbare Abwurfmunition sicher. Tiefbrunnen und Notstromaggregate gewährleisteten eine unabhängige Energieversorgung. Angeblich hätte sich die Besatzung einer monatelanger Belagerung erwehren können.

Nach einem NS-Szenario hätten sich so nach verheerenden Angriffen das Regime und die »Volksgemeinschaft« regenerieren können, da im Inneren des Flakbunkers alle für einen Staat überlebenswichtigen Funktionen untergebracht waren (Mitglieder der politischen Führung, Verwaltungsbehörden, Spitäler, Werkstätten, Küchen, Kulturgut und Teile der Bevölkerung).
Abb. zeigt Schnittzeichnung der Bauart 2 (Wilhelmsburg).
BAUARTEN, BAUWEISE
Sämtliche Flakbunker weisen sich durch einen großen massigen Baukörper, stereometrische Form und eine weit auskragende Dachplattform mit Aufbauten aus. Ihr Grundriß beträgt bis zu 75 x 75 Meter (Bauart 1), ihre Höhe bis zu 50 Meter (Bauart 3). Sie lassen sich in drei verschiedene Bauarten einteilen: Die Bauart 1 (Berlin und Hamburg Heiligengeistfeld) ist vor allem durch die vier heraustretenden Ecktürme und eine offene Gefechtsebene gekennzeichnet. Die Bauart 2 (Hamburg-Wilhelmsburg und Wien Arenbergpark) ist insgesamt kleiner, geschlossener und ohne ausgeprägte Ecktürme gestaltet.
Die Bauart 3 (Wien Stiftskaserne und Augarten) erhebt sich auf einem fast runden polygonalen Grundriss. Diese bemerkenswerte Gestaltänderung ist auf die sich verschärfende Kriegssituation, die eine ökonomischere und technisch verbesserte Architektur verlangte, und die mangelnde Erfahrung mit der neuen Bauaufgabe zurückzuführen. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Bauweise der Flakbunker veränderte – immerhin wurden binnen vier Jahren drei verschiedene Typen entwickelt – zeigt auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Waffentechnik verbesserte.
Skizze: Flakbunker Heiligengeistfeld (Typ 1),
von oben. Gut zu erkennen die Ecktürme
»Corporate Identity« des Wehrhaften
Über die sachliche Konstruktion der Bunker hinaus lassen sich auf den zweiten Blick zahlreiche Motive der traditionellen Festungsarchitektur erkennen, etwa die überkragende Wehrplatte, das bastionäre System der Geschützplattformen oder das Motiv der vier Türme, die sich um ein Mittelteil gruppieren (Bauart 1, siehe Beispiel "Heiligengeistfeld"). Diese Elemente enstprechen dem seit dem Mittelalter vorherrschenden Festungsbau-Schema bei Stadt-, Burg- und Schloßanlagen. Dieser motivgeschichtliche Rückgriff ist als ein Versuch Tamms zu werten, die Gebäude ikonographisch in dieser Tradition des Wehrbaus zu verankern.
Augenfällig wird dies auch bei der Verwendung militärisch nicht zwingend erforderlicher Bauteile, wie zum Beispiel den massigen, bastionären Geschützstellungen (die damals schon längst überholt waren) der dritten Flakbunkergeneration, die er vielmehr als Bestandteil eines Architekturbildes schätzte. Es sollte die Massen dazu bewegen, sich mit den Gebäuden zu identifizieren und sich dem Beton anzuvertrauen, sowie eine Art »corporate identity« des Wehrhaften verbürgen, Macht, Stärke und Dauerhaftigkeit demonstrieren. Und zwar in doppelter Hinsicht: Der waffenstarrende Bunker war gegen den äußeren Feind gerichtet und zugleich bezeugte er den Herrschaftsanspruch des Regimes nach Innen.
Fotostrecke: Gefechtsebene des FLAK-Bunkers "Heiligengeistfeld" in Hamburg, Mai 2004 © M. Titsch: